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Wenn die Last kaum tragbar ist: Corona-Challenges als Sozialunternehmerin

1. Juli 2020

Liebe*r kein Abseits!-Freund*in,

die letzten Monate waren für uns alle herausfordernd.

Die Not macht aber bekanntlich erfinderisch und auch wir bei kein Abseits! haben durch die Kontaktbeschränkungen neue Formate auf den Weg gebracht und Begegnungen mal anders ermöglicht.

Für unser Engagement und das schnelle Umschwenken wurden wir dabei bereits an verschiedener Stelle als Best Practice präsentiert und konnten so bereits viele andere Organisationen beraten. Mehr dazu findest du in einem unserer letzten Artikel.

Doch heute möchte ich dich nochmals hinter die Kulissen einer sozialen Organisation in diesen schwierigen Zeiten mitnehmen. Denn die Last der letzten Monate war teilweise kaum tragbar – nur gut, dass wir durch andere Krisen, Rückschläge und dynamische Entwicklungen schon gut für derartige Phasen gewappnet sind.

Unsere Geschäftsführerin Gloria berichtet über Höhen und Tiefen während der Corona-Krise.

Was hat Corona neben lustigen Video-Clips, Live-Streams und Video-Calls für uns und viele andere soziale Organisationen noch bedeutet?

Machen wir einen Zeitsprung und betrachten die Lage Anfang März…: Als sich die Situation um Corona auch in Berlin und Deutschland immer mehr zuspitzt, befinden wir uns gerade auf unseren jährlichen Teamtagen in Brandenburg, die immer eine wichtige Zäsur für uns bedeuten. Trotz schlechtem Empfang und voll gepackten Tagen brechen die Nachrichten von außen immer wieder über uns herein: Was bedeutet es für uns, wenn ein enger Freund des Vereins, den wir kurz zuvor gesehen haben, in der Quarantäne vielleicht Symptome entwickelt? Wie geht es meiner Familie in Italien und sind wir nur wenige Tage entfernt von ähnlichen Entwicklungen? Sollen wir unsere Spiele-Star-Einsätze und Sport-AGs doch erstmal ruhen lassen?

Wir versuchen uns gegenseitig zu beruhigen und weiter zu planen – zu dem Zeitpunkt kann noch keiner von uns abschätzen, dass dieses Jahr doch ganz anders aussehen würde. Wieder zurück in Berlin verfolgen wir stündlich die Nachrichten: Bald werden wir von der Realität eingeholt und die ersten Kontaktbeschränkungen werden verkündet.

Mit den rasanten Entwicklungen strömen auch die Fragen über mich herein: Wie sollen wir ab sofort unserem Auftrag nachgehen, wenn im Zentrum all unserer Angebote „Begegnungen ermöglichen“ – und zwar live – im Vordergrund steht? Und was bedeutet das für unser Team, das mehrmals die Woche direkt pädagogisch arbeitet mit Kindern und Jugendlichen an Schulen, Geflüchtetenunterkünften und Jugendzentren?

Die Sorgen nicht nur um unsere Zielgruppen, sondern auch unsere Mitarbeiter*innen und Finanzierung lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Schließlich verpflichten wir uns im Rahmen diverser Projektförderung auf bestimmte Ziele. Einige unserer Mittel sind außerdem leistungsabhängig und werden nur für tatsächlich stattgefundene Aktionen gezahlt. Plötzlich kommt mir eine Idee: Wenn wir nicht zu den Kindern dürfen, dann bringen wir ihnen kein Abseits! übers Handy und mit Kreativpaketen einfach nach Hause! So können wir nicht nur weiter sinnvolle Anregungen für die Freizeitgestaltung geben, sondern auch unserer Zielgruppe nah sein. Gleichzeitig bleiben wir als Team aktiv und produzieren tolle Nachweise für unser Engagement und sichern so unsere Förderung – so scheint es mir zumindest wahrscheinlich.

Wieder angekommen im Berliner Sommer wird mir mit ein wenig Abstand einiges klar: Dass das schnelle Aufsetzen komplett neuer Prozesse sowie die vielen nun online oder telefonisch stattfindenden Kontakte mit Team, Familien, Kindern und Freiwilligen so kräftezehrend sein würde, hätte ich nicht erwartet. Dennoch schafften wir das fast Unmögliche: Allein in den ersten zwei Wochen verteilten wir über 100 Kreativpakete, stellten erste Videos online und standen Freiwilligen und Familien eng zur Seite.

Ich bin sehr stolz auf mein Team und dankbar für den Einsatz und das Herzblut jedes einzelnen: Ganz selbstverständlich haben alle die Veränderungen mitgetragen und die neuen Formate auf den Weg gebracht. Und dies, obwohl jedem die Situation der Isolation im eigenen Heim und der Sorge um Angehörige und Freunde selbst zu schaffen machte.

Das positive Feedback seitens unserer Community, von unseren Teilnehmer*innen und anderen Organisationen hat uns definitiv dabei beflügelt. Doch die gesamte Last, die mit viel Unsicherheit, und die Erschöpfung, die mit vielen Überstunden und Mehraufwand einhergehen, konnte uns nicht genommen werden.

Denn was leider teilweise fehlte, waren Verständnis, transparente Informationen und ausreichend Unterstützung seitens einiger Fördermittelgeber: Wir erhielten teilweise nur auf Nachfrage, sehr spät oder keine Informationen zu aktualisierten Förderbedingungen zu Zeiten Coronas. Wir wurden außerdem mit zusätzlichen – teilweise sehr aufwendigen – Dokumentationspflichten belastet. Wir haben jetzt bereits Ausfälle in Höhe tausender Euros. Während teilweise innerhalb weniger Tage Wirtschaftsförderprogramme verabschiedet wurden, sahen wir uns neuen Hürden und finanziellen Verlusten gegenüber, die wir aktuell noch gar nicht final abschätzen können.

Unser schnelles Handeln war dennoch wichtig: Nur so konnten wir für unsere Zielgruppen weiter da sein. Wir reden hier von Kindern und Familien, die unter der Pandemie besonders leiden und gesellschaftlich weiter marginalisiert werden. Zu Hause in Wohnung oder Unterkunft meist auf engem Raum mit nicht genügend Endgeräten und Internet allein gelassen – mit Homeschooling überfordert, isoliert und teilweise verunsichert. Wenn in solchen Zeiten keine Organisationen wie wir sich engagieren und diese Menschen begleiten und ihren Bedarfen Gehör verschaffen, um Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft abzumildern, wer macht es dann?

Ist nicht gerade der soziale Sektor in so einem Fall systemrelevant? Sollte man nicht uns entlasten und Risiken nehmen, damit wir unsere Arbeit gut machen können?

Mit diesem Gefühl stehen wir nicht allein, wie Gespräche mit Partnern verdeutlichten. Auch wenn man sich die Förderungen und Sofortprogramme der letzten Monate anschaut, wird deutlich, dass der soziale Sektor weitestgehend allein gelassen wurde. Die aufgesetzten Programme passen zu einem Großteil der Organisationen nicht und erst vor wenigen Tagen wurde ein erstes Kreditprogramm für die Zivilgesellschaft ins Leben gerufen. Doch wie sollen gemeinnützige Organisationen, Kredite zurückzahlen, wenn sie selbst keinen Gewinn erwirtschaften dürfen? Oder wie sollen sie Ausfälle kompensieren, wenn sie keine großen Rücklagen haben dürfen? Dass da ein Kreditprogramm der Weisheit definitiv nicht letzter Schluss ist, merkt eigentlich jeder.

Das gemeinnützige Analyse- & Beratungshaus Phineo hat sich zu diesem Thema in den letzten Monaten stark gemacht und informiert. Auch wir unterstützen die Petition von Phineo, die mehr staatliche Unterstützung der Zivilgesellschaft in der Corona-Krise fordert.

Was nehmen wir nun aus den letzten Monaten mit: Wir haben einmal mehr gespürt, dass es sich nicht nur lohnt, wieder aufzustehen, sondern dass wir langsam ein bisschen den Dreh raushaben, mit welchem Fuß man das am besten macht ;-). Wenn Plan A scheitert, dann entwickeln wir halt Plan B, C und D.

Damit wir uns dabei nicht entmutigen lassen, brauchen wir dich in unserer kein Abseits!-Community, denn du gibst uns Kraft!

Wir haben leider jedoch auch wieder erfahren, dass es nicht allein reicht, gute Arbeit zu leisten, sondern, dass wir dafür kämpfen müssen, damit diese auch anerkannt wird! Wir müssen zum einen dafür kämpfen, dass kein Abseits! weiter wirken kann und unsere Zielgruppen nicht vergessen werden. Und wir müssen zum anderen dafür kämpfen, dass sich systemisch etwas ändert!

Was kannst du machen? Mach du dich auch stark für unsere Zielgruppen und bleib uns weiter treu, denn ohne dich, können wir es nicht schaffen!

P.S. Eigentlich wollte ich in den letzten Wochen endlich mal meine Doktorarbeit fertig schreiben .. .

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