“Vorbilder im Spiel” vom 19.12.2011 – Der Tagesspiegel »

Gloria Amoruso und Sinem Turac waren Klassenkameradinnen. Mit ihrem Patenprojekt „Kein Abseits!“ fördern sie junge Migrantinnen. Der Verein für Sport und Bildung braucht Spenden.

Jasmina El-Sayed ist elf Jahre alt und geht gerade in die sechste Klasse – aber sie weiß schon, was man unter Sozialanthropologie versteht. „Das ist, wenn man sich für ganz andere Kulturen interessiert“, sagt die Sechstklässlerin mit Großeltern aus Ägypten von der Reinhold-Otto-Grundschule aus Charlottenburg stolz. Jasmina schaut Linn Leißner erwartungsvoll in die Augen, das ist ihre erwachsene Patin, und schmiegt sich an sie. Die 26-jährige Studentin und die Grundschülerin sind ein Patenpaar, gefunden haben sie sich im Herbst über den neuen, rein ehrenamtlich wirkenden Integrationsverein „Kein Abseits! e.V.“. Wenn man betrachtet, was sich hinter diesem Projekt für sechs- bis sechzehnjährige Schüler mit Einwanderungsgeschichte verbirgt, kann man fast nicht glauben, dass zwei ehrenamtlich engagierte junge Berlinerinnen das alles allein auf die Beine gestellt haben.

Um die einzigartige Kombination aus sozialem Lernen beim Fußballtraining, individuellem Lerncoaching sowie pragmatischer Berufsorientierung zu etablieren und auszuweiten, haben sich die beiden 23-jährigen Vereinsvorsitzenden, die türkischstämmige Sinem Turac und die italienischstämmige Gloria Amoruso, beim Tagesspiegel-Spendenverein um Unterstützung beworben. Sie brauchen dringend Geld für die Miete ihres kleinen Büros, Beiträge für die Versicherungen für die Ehrenamtlichen, Computer, Drucker, Briefmarken und Geld für Kopien. Von der Möglichkeit, sich bei der diesjährigen Tagesspiegel-Spendenaktion „Menschen helfen!“ zu bewerben, hatten die Charlottenburgerinnen zwei Tage vor Einsendeschluss gehört. Schnell stellten sie eine Mappe zusammen und brachten sie persönlich am Askanischen Platz vorbei.

„Seit der 7. Klasse sind wir beste Freundinnen“, schrieben die beiden, „von unserem damaligen Klassenlehrer wurden wir wegen unserer türkischen und italienischen Wurzeln oft die ,südländische Fraktion’ genannt.“ Der Pädagoge kann noch heute stolz auf seine Schützlinge sein. Gloria Amoruso hat inzwischen ein Bachelorstudium in Italienstudien an der FU abgelegt und ein Masterstudium in Europawissenschaften. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und nahm am Mentoringprogramm Nightingale der FU Berlin teil. Nebenbei ist sie auch noch ehemalige Feldhockeybundesligaspielerin.

Auch die Vita der 23-jährigen Berlinerin Sinem Turac liest sich bereits beeindruckend: Ausgebildete Industriekauffrau, Bachelorstudium in Business Administration an der Hochschule für Ökonomie und Management Berlin, Juniormitarbeiterin bei der Total Deutschland GmbH. Ihren Arbeitgeber hat sie gleich mal mit ins Team geholt, er sponsort nun die Trikots, Fußbälle, Hütchen. Und die Rechtsabteilung half beim Aufsetzen der Vereinssatzung von „Kein Abseits! e.V.“. Sie gewann Experten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis dafür, die Paten zu coachen und die Homepage zu gestalten.

Sinem Turac ist wie die Fußballnationalspieler Fatmire Bajramaj und Cacau zudem Integrationsbotschafterin des Deutschen Fußball-Bundes. Die DFB-Schiedsrichterin muss nach dem Termin mit der Zeitung am Wochenende gleich los, ein Pokalspiel der Männer in Brandenburg pfeifen.

„Wir wollen nicht nur reden, sondern handeln“, sagen die Schulfreundinnen. Sie wollen „was zurückgeben von dem, was wir schon erleben durften und selbst Vorbilder für junge Migrantinnen sein“. Und so haben die beiden nach einigen Erfahrungen in sozialen Projekten einen eigen gemeinnützigen Verein auf die Beine gestellt. Einmal die Woche spielen rund 40 Mädchen der Reinhold-Otto-Grundschule in Charlottenburg und der Hector-Petersen-Gesamtschule in Kreuzberg Fußball, mit freiwilligen Trainerinnen. „Das macht Spaß, und manche von uns sind schon besser als einige Jungs“, sagt die elfjährige Jasmina El-Sayed. Das fänden auch die Jungs cool, weil die Schulteams dann öfter gewinnen. Sport stärkt eben Selbstbewusstsein, Gemeinschaftsgefühl und Sozialverhalten, wissen die beiden Vereinsgründerinnen.

Der zweite Projektbestandteil ist das Schul-Mentoring. So treffen sich zum Beispiel Ranim-Senab El-Hussein, deren Vater Palästinenser ist, und ihre Patin Katharina Nedela, 24, und Studentin der Politik und Verwaltung sowie der italienischen Philologie einmal die Woche nach der Schule, um Hausaufgaben zu machen und Englisch und Lerntechniken zu üben. „Wir fragen einfach die Putzfrau, welcher Klassenraum gerade frei ist“, erzählt die Zehnjährige. „Wir üben dann alles erst an der Tafel, bevor ich es ins Heft übertrage.“ Ranim-Senab schreibt gerade mit Katharinas Unterstützung eine Geschichte auf Englisch, „über eine Katze in New York“. Und was hat Jasmina schon alles gelernt? „Mathe!“. Ihre Patin Linn sagt, sie habe durch die Beschäftigung mit „ihrem Kind“ gelernt, „wieder Punkte in ein Koordinatensystem zu zeichnen. Und abzuschalten, alles auszublenden, sich völlig auf einen Menschen und ein Thema zu konzentrieren.“ Sie gehen nach Methoden der Deutschdidaktikerin Anne Peters vor, die Kindern Lerntechniken beibringt, wie Visualisierungen und Memotechniken.

30 Patinnen gibt es schon, weitere werden gesucht – es sind nur Frauen. Die Eltern mancher Mädchen mit Migrationshintergrund würden dem engen Kontakt mit einem Mann nicht zustimmen. Ab Januar soll der dritte Bereich des Projektes starten: Dann sollen berufstätige Frauen, gern mit Migrationshintergrund, Einblick geben in ihren Arbeitsalltag und Vorbild sein. Freiwillige Berufstätige aller Jobs werden noch gesucht. Das Projekt soll bald auch für Jungs angeboten werden.

Wie schaffen Sinem Turac und Gloria Amoruso das nur alles? „Je mehr man sich engagiert, desto mehr bekommt man zurück und tankt dabei auf“, sagt Gloria Amoruso. Der Vater der Fünftklässlerin Ranim-Senab, der als Fliesenleger arbeitet, hat das Gespräch interessiert verfolgt, er versteht mehr Deutsch, als er spricht. Was er sich wünscht, was seine Kleine mal werden soll? „Doktor“, sagt er und lächelt.

Spenden an: Spendenaktion Der Tagesspiegel e. V., Verwendungszweck: „Menschen helfen!“, Berliner Sparkasse (BLZ 100 500 00), Konto 250 030 942. Namen und Anschrift für den Beleg notieren. Kontakt zum Projekt: www.kein-abseits.de

 

Quelle:

www.tagesspiegel.de

 

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