Wie Mentor Julius und Mentee Wiktor dem Sinn des Lebens näher kamen »

Mein Bericht bezieht sich auf eine mir sehr einprägsame Situation – ein Gespräch, dass Wiktor wieder einmal unvermittelt anzettelte. Diesmal war die Frage allerdings ungewöhnlich groß und überraschend.
 Wir kamen gerade vom Paracelsus-Bad und waren auf dem Heimweg. Unser Weg führte an einer Hauptstraße entlang. Um uns herum war Autolärm, die Sonne brannte unerbittlich auf unsere Köpfe nieder und auch sonst war es – zumindest für mich – absolut keine gute Umgebung für ein tiefreichendes Gespräch.

Wiktor schien das anders zu sehen und stieß unvermittelt einen Dialog an:

„Julius, kann ich dir mal eine Frage stellen?“

Wie bereits erwähnt, war ich zwar alles andere, als auf eine Unterhaltung eingestellt, jedoch konnte ich natürlich auch nicht einfach abblocken, nicht zuletzt, weil ich ziemlich neugierig war, was ihm denn gerade in der Situation in der wir uns befanden eingefallen sein könne.

– „Ja klar, jederzeit!“

„Was muss man eigentlich in der Zukunft erreicht haben?“

– „Was meinst du mit ‚erreichen‘?“

„Naja, oder anders – Was ist der Sinn des Lebens?“

Ich war noch am Konstruieren einer möglichst verständlichen Formulierung meiner Sicht der Dinge, als Wiktor mir schon ins Wort fiel: „Also, ich weiß die Antwort schon: Man muss einen guten Job haben, ein Haus, in dem man wohnt, und eine gute Frau und ein Auto!“

Obwohl das für meine Begriffe eine, wenn auch nicht wirklich überraschende, so doch zumindest erschreckende Aussage war, musste ich mir ein Lächeln verkneifen, um ernsthaft auf das von ihm Gesagte eingehen zu können.

Mir war klar, dass es nicht seine eigenen Gedanken waren, die er mir gegenüber äußerte, sondern die seiner Eltern oder anderer ihn beeinflussender Instanzen, was mich erneut zum Nachdenken brachte und zu einer radikalen Änderung meiner Antwort, die ich ihm noch vor einer Minute gegeben hätte.
 Mir wurde klar, dass auch ich ein äußerer Einfluss bin, der ihn unter Umständen eben dazu bringt zu glauben, was meine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ist. Im Grunde würde ich damit nichts anderes tun, als jene Menschen, welche Wiktor Haus, Frau und Auto als den Sinn des Lebens erklärten.

Ich antwortete also: „Weißt du Wiktor, für mich ist das, was du gesagt hast, nicht der Sinn des Lebens, aber genau das ist der Punkt, verstehst du? Es ist -für mich- nicht der Sinn des Lebens. Das bedeutet nicht, dass es nicht dein Lebenssinn sein kann. Wichtig ist nur, dass du dir diese Frage selbst beantwortest. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dir die Dinge nennen kann, die deinen Sinn des Lebens ausmachen. Du musst das wohl ganz alleine herausfinden. Verstehst du das?“

An dieser Stelle antwortete Wiktor nur kurz „Jaja.“ und lenkte sofort auf ein neues Thema – es ging um Playstation-Spiele und Ähnliches. 
Trotz meiner eigenen Erkenntnis aus dem Gespräch, war ich einige Zeit ein bisschen enttäuscht von der Reaktion Wiktors. Ich hatte das Gefühl, er hatte nicht verstanden, worauf ich hinaus wollte.

Erst Wochen später kam es zu einem Ereignis, dass ich nur beiläufig mitbekam, welches mir jedoch zeigte, dass unser Gespräch nicht einfach an Wiktor vorbeigezogen sein konnte. Als wir uns mit einem anderen Tandem trafen, äußerte sich eben dieser Mentee über das, was er später erreicht haben wollte. Die Kernpunkte seiner Aussage waren etwa „Job, Haus, Auto, Frau“. (An dieser Stelle musste ich dann tatsächlich ein bisschen Schmunzeln, aber ich befand mich weitestgehend außerhalb der Situation, weswegen mein Lächeln keinen Einfluss nahm.)

Wiktors Antwort nun war: „Ich bin mir nicht so sicher. Ich glaube ich muss erst noch herausfinden, wie ich später leben will.“

Ich war überwältigt von Wiktors Antwort, hielt mich aber mit einer Reaktion zurück. – Wie gesagt, befand ich mich etwas abseits der Situation und niemand erwartete eine Reaktion von mir. Vermutlich wussten die Jungs nicht einmal, dass ich ihre Unterhaltung mitbekommen hatte.
 Ich freute mich nur still darüber, doch etwas verändert zu haben.