Eine prägende Zeit – Nicolas‘ Erfahrungen als Mentor »

Die Zeit als Mentor von Mohammed Mohammed war eine überaus wichtige und nicht zu missende Erfahrung meines vergangenen Jahres. Gleich zu Beginn des Projekts war ich begeistert von der Herzlichkeit und der tiefen Menschlichkeit der Familie Mohammeds. Das Engagement der Eltern Warda und Ezzat für ihre Kinder ist bemerkenswert und berührte mich von der ersten Begegnung an. Man spürt, dass sie in ihrem Handeln und Tun nicht nur auf eine erstklassige Erziehung ihrer Kinder achten, sondern auch alles daran setzen, dass diese es eines Tages besser haben werden als sie. Trotz der beengten Verhältnisse im Heim und der langen Wartezeit haben sie mich und Freunde von mir stets mit großer Gastfreundlichkeit in ihr Familienleben integriert und uns mit großer Herzlichkeit an ihren Abendessen und Diskussionen teilnehmen lassen. Die Unterstützung von Warda und Ezzat, aber auch von Fatima, der ältesten Tochter der Familie, war für den gesamten Mentoren‐Prozess von großer Hilfe.
Ich habe die Zeit genutzt, um Mohammed über gemeinsame Freizeitaktivitäten besser kennenzulernen und in den Feldern, für die er empfänglich war, zu fördern. Ein wichtiges Anliegen war mir, ihm ein Gefühl für die Stadt und ihre Möglichkeiten, eine reiche Freizeitgestaltung darin zu unternehmen, zu vermitteln. In diesem Sinne haben wir zahlreiche sportliche Aktivitäten (z.B. Eisschuhlaufen, Squash, Bowling, Motorbootfahren und Rudern), aber auch Unterhaltungselemente wie Jahrmarktbesuche, Kino oder Billard unternommen. Ein wichtiger Bestandteil meiner Förderung war Mohammeds Umgang mit dem Wasser und der Natur. Zu Beginn unserer Zeit benötigte Mohammed Schwimmflügelchen und hatte zum Teil große Schwierigkeiten, seinen Anspruch ans Schwimmen mit den tatsächlichen Fähigkeiten in Einklang zu bringen. Nach den vergangenen Monaten schwimmt Mohammed selbständig auch ohne jede Hilfe für mehrere Stunden, zum Teil auch in Bereichen, in denen er nicht stehen kann. Unsere Besuche in der Natur sollten ihm ein Gefühl für die Schönheit einer nicht‐klinischen Umgebung vermitteln; wollte er am Anfang ausschließlich in Schwimmbäder, war er am Ende gar nicht mehr auf dem See herauszubekommen – trotz all der ungewohnten Tiere und Pflanzen am Grund und am Ufer.
Während unserer gemeinsamen Zeit war es mir möglich, viele Gespräche mit Mohammed zu führen. Bewegende Momente der Nähe waren, als er mir mit eigenen Worten von der Flucht der Familie über die Türkei nach Deutschland erzählte. Ich habe den Eindruck, dass er im Laufe der Zeit sein Deutsch verbessern konnte und nun zu noch mehr abstrakten und längeren Gesprächen in der Lage ist. Einzig und allein fürs Lesen konnte ich ihn nicht nachhaltig begeistern; diesen sprachlichen Faktor habe ich mit anspruchsvollem deutschsprachigen Hip Hop auszugleichen versucht, den er sehr mag.
Mohammeds Bruder Mervan, der keinen eigenen Mentor hat, war auch ein paar Mal mit dabei, was Mohammed sichtlich Spaß gemacht hat. Auch hier zeigt sich die gute Erziehung der Familie, die keine Eifersüchteleien unter den Kindern zulässt, sondern sie im Sinne eines Teams aufwachsen lässt. Mervan ist ein überaus sensibler, aber starker junger Mann, der es genießt, sich mit seinem deutlich älteren Bruder spielerisch zu messen. Auch er hat beim Schwimmen große Fortschritte gemacht.
Die Zeit mit Mohammed hat mich geprägt. Ich habe gelernt, was es bedeutet, Verantwortung für ein junges Leben zu übernehmen, das mir von seinen Eltern anvertraut wird. Dies hat mich nicht nur deutlich in meiner Umsicht gefördert, sondern auch unglaublich stolz gemacht. Mein Freundeskreis und meine Familie können bestätigen, wie wichtig es mir war, Mohammed in mein Leben zu integrieren und ihm Vorbild und Freund zugleich zu sein. Ich danke dem Projekt für diese Chance – und bleibe auch über die vorgeschriebene Zeit hinaus mit ihm in Kontakt und als Mentor erhalten.